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PHILOSOPHIE

Reitkunst – ist das jener kurze Moment, in dem Mensch und Tier zum Kunstwerk verschmelzen? Oder ist es vielmehr eine Anmaßung des Menschen, sich auf ein Lebewesen zu setzen, das nicht dafür geschaffen wurde, und auf ihm zu unserer Freude in einer Sandkiste im Kreis zu reiten? Warum machen wir das denn eigentlich? Ich fürchte, eine für alle befriedigende Antwort wird man nicht finden können. Ich habe diese Frage oft bei Seminaren gestellt. Die Antworten im Teilnehmerkreis gingen von „Weil es Spaß macht!“ bis zu „Ja, ohne die Reiterei gäbe es Pferde nur im Zoo und in ein paar Reservaten!“ – STIMMT, aber beide Antworten sind weder richtig noch falsch. Wir können Pferde schließlich nicht fragen, ob sie unsere Erwartungshaltungen an die Freizeit bedienen wollen oder ob es ihnen lieber wäre, gar nicht zu leben. Vor noch nicht allzu langer Zeit war ein Leben ohne das Pferd nämlich nicht denkbar.

„Überall wo die Spuren des Menschen sind, finden wir die des Pferdes gleich daneben!“

Pferde wurden für Kriege missbraucht, wir haben ihnen in der Völkerwanderung schwerste Lasten zugemutet, sie mit teilweise fürchterlichen Marterinstrumenten als Gebisse geritten, sie wurden über Jahrhunderte hinweg geknechtet und ausgenützt, ABER: Wir haben sie gebraucht. Jetzt, im 21. Jahrhundert, quälen wir „unsere Sportgeräte“ teilweise aus Spaß. Manchmal frage ich mich, welche Option ich besser finden soll.

Für mich bleibt nur mehr ein einziger Grund, warum ich mit Pferden arbeite, nämlich der, dass ich als Mensch ihnen durch eben diese Entwicklungen der Jahrhunderte quasi stellvertretend noch immer vieles schuldig bin.

„Ihr Pferde habt mich vieles gelehrt, das Wichtigste waren Charakterzüge wie Geduld, Bescheidenheit, Respekt und bedingungsloses Mitgefühl. So möchte ich niemals aufhören, die Stimme meines Partners Pferd zu sein und ihm so jenen Respekt zu verschaffen, der ihm zusteht.“  

Was ist klassische Reitkunst?

Die Frage kann ich mit den Worten Michelangelos beantworten, die – als ihn ein Schüler fragte, wie er derart wunderbare Skulpturen erschaffen hatte – etwa so lauteten:

  „Ich schlage nur das Überflüssige von dem Stein weg und bringe das hervor, was immer schon in ihm war!“

Meine persönliche Auffassung ist es nicht, durch Druck oder gar Gewalt zum Ziel zu kommen, denn das einzige, was wir dem Pferd voraushaben, ist die Tatsache, dass wir Menschen einen Gedanken reflektieren können und gewöhnlich danach handeln. Körperlich sind wir dem Pferd unendlich weit unterlegen. Daraus ergibt sich, dass es äußerst dumm ist, über Druck und Gewalt zu arbeiten. Vielmehr sollten wir unseren Kopf einsetzen und das Pferd durch eine Abfolge von Lektionen und Übungen dazu bringen, unserem Willen zu folgen – das alles ohne Zwang! Reitkunst ergibt sich somit von selbst, sie beginnt nicht erst in der Hohen Schule, sondern bereits beim ersten Kontakt im Stall. Viele Reiter verwenden immer schärfere Gebisse, ziehen und zerren daran. Sie gebrauchen die Schenkelhilfe beinahe wie einen Vorschlaghammer. Das Pferd fühlt eine kleine Fliege an seinem Körper und verscheucht sie, wozu also benötige ich als Reiter/in rohe Gewalt?!?

Reitkunst bedeutet nicht, ein Pferd zu beherrschen, sondern sich selbst zu beherrschen!

Keine andere Kunst zeichnet sich mehr durch Harmonie zwischen zwei Lebewesen aus als die Reitkunst: Wie kaum einem anderen Lebewesen kann man dem Pferd nahe sein, mit ihm verschmelzen und zu jener Einheit werden, die – wenn man sie nur einmal erfühlt hat – erahnen lässt, was mit vollkommener Harmonie zwischen zwei Wesen gemeint ist.

Alfons J. Dietz

 
 

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